Edin Bajrić

*1980 in Bosanska Dubica, Bosnien und Herzegowina

Lebt und Arbeitet in Hannover

 

Studium | Bildende Kunst an der Fachhochschule Hannover bei Prof. Verena Vernunft.

 

CV & Verfügbare Arbeiten auf Anfrage 

 

Zur Aktfotografie von Edin Bajric von Vera Burmester

Die Ausstellung zeigt Ergebnisse der fotografischen Arbeit von Edin Bajric und widmet sich einzig und allein der Aktfotografie des Künstlers, die er seit einigen Jahren verfolgt. Die Aktfotografie ist so alt wie die Fotografie selbst.

Im 19. Jahrhundert lichteten so manche Daguerreotypisten in vermeintlich ethnischen Studien fremdländische Menschen in wenig verhüllender Kleidung ab; die Grenze zur Pornografie war in vielen dieser Bilder uneindeutig. Um sich von diesem vermeintlich obszönen Thema zu unterscheiden, wurden künstlerische Studioaufnahmen nackter Menschen vor bewusst neutral gehaltenem Hintergrund fotografiert.

 

Die „verruchten“ erotischen Bilder hingegen nutzten genau das Gegenteil. Hier gab es wildeste Requisiten, Zitate der griechischen Mythologie und viel Schleier und Spitze. Heute haben diese Bilder einen süßen kitschigen Ton, der mehr anrührt als aufregt. Die einige Jahrzehnte später aufgenommenen Bewegungsstudien von Eadweard J.Muybridge zeigen ebenfalls unbekleidete Menschen. Sie treiben Sport, gehen oder steigen eine Treppe herab. Muybridge wollte damit auch bildenden Künstlern die Möglichkeit geben, menschliche Bewegungsabläufe physisch richtig abzubilden. Dass der Mensch dabei am besten nackt zu untersuchen ist, erscheint logisch.

 

Bekannt ist die Aktfotografie demnach seit über 150 Jahren und es gibt so manche bildende Künstler, die sich ihr gewidmet haben. Streifen wir dabei gedanklich nur ganz kurz Robert Mapplethorpe, Helmut Newton oder auch den Maler Eugène Delacroix, der zusammen mit einem Fotografen Akte ablichtete. Edin Bajric setzt mit seinen Fotografien also eine Tradition der bildenden Kunst fort und zeigt nackte Menschen. Dabei stehen weder Studienzwecke noch Erotik im Vordergrund. Vielmehr lässt Bajric die Protagonisten seiner Bilder besonders, gezielt agieren und den Betrachtern etwas erzählen. Die Fotografierten zeigen uns in den vielzähligen Serien des Künstlers Posen, die nicht nur die Ästhetik des Körpers betonen.

 

Hier wird sich nicht einfach nur geräkelt, weil ein Muskel hübsch akzentuiert werden soll, sondern die jeweilige Bewegung bewirkt etwas darüber hinaus. Edin Bajric schafft Szenarien, die der Akt bespielt, in denen er agiert und uns herausfordert. Die Arbeiten sind erzählerisch und alle Requisiten kreieren eine bewusste Stimmung. Ein besonderes Beispiel dafür ist die Serie „Erwachen“ aus dem Jahr 2013. Wie in fast allen Aktfotografien des Künstlers ist ein männliches Aktmodell in Szene gesetzt. Ein undefinierter dunkler Raum umgibt den Mann, der Körper ist nur von indirektem Licht beleuchtet. Diese diffuse Illumination macht das Thema noch interessanter; der Mann trägt Blumenkronen in diverser Ausführung auf dem Kopf.

 

Auf manchen Bildern sieht er die Betrachter direkt an, sein Gesichtsausdruck changiert dabei von gelangweilt distanziert, über schüchtern verletzlich bis hin zu arrogant herausfordernd. Er trägt seine Blüten mit einer so entwaffnenden Selbstverständlichkeit, dass es eine wahre Freude ist.

Der nackte Körper und die Blumen stehen inhaltlich für dasselbe, beides ist ungeschützt, verletzlich, schön und vergänglich.

 

Edin Bajric zitiert in dieser Serie auch die Vanitasstillleben des Barock. Die prächtigen Blumenstücke jener Zeit zeigen neben blühenden Pflanzen auch Käfer, Raupen oder altes Obst als Verweis auf den Tod. „Erwachen“ beinhaltet auch eine sexuelle Konnotation, denn genau wie Blumen mit ihren Blüten Insekten anlocken, werden hier die Betrachter mittels der floralen Pracht verzaubert. Diese beiden wesentlichen Themen des Lebens, Sexus und Tod, werden in diesen Bildern wunderschön umgesetzt. Das alles schwingt mit, drängt sich aber nicht auf.

 

Die besondere Stimmung in der eben beschriebenen Serie wird nicht unwesentlich durch das Licht oder vielmehr durch die Dunkelheit bestimmt. Betrachtet man die Serien in diesem Buch genauer fällt auf, dass Edin Bajric über die Jahre immer mehr mit diesem Thema arbeitet. Waren die Serien der ersten Zeit noch hell und klar fotografiert, werden die Fotografien später dunkler und die Modelle mehr in Ausschnitten gezeigt. Der Blick der Betrachter wird so stärker fokussiert und die Aufmerksamkeit durch die Dunkelheit noch mehr gebunden.

 

Was es aber schon immer in den Aktfotografien des Künstlers gab, sind die besondere Posen der Modelle und die Dinge, mit denen die Fotografierten abgelichtet werden. Diese sind genauso wichtig wie die Menschen selbst.

Ein wichtiges Beispiel dafür ist der Spiegel, mit dem Edin Bajric lange Zeit gearbeitet hat. In der Serie „Licht“ reflektiert das Modell Licht mittels eines Spiegels und erzeugt Blitze, die die Fotografie überstrahlen und die Betrachter zu blenden scheinen. Das hat etwas Brutales und Aggressives und die Blicke des Modells verstärken diesen Eindruck noch.

 

Die Serie mit dem Titel „Spiegel“ zeigt verschiedene Menschen, hier auch Frauen, die ebenfalls mit einem Spiegel agieren. Sie verstecken ihre Körper dahinter und halten ihn uns als Betrachtern vor und werfen unseren (voyeuristischen) Blick zurück. Hier ist der Spiegel fast eine Art Waffe, der den Körper verbirgt und uns nur einen Blick auf den kargen Holzfußboden gewährt. Auch in einer Bildfolge aus dem Jahr 2014 taucht der Spiegel wieder auf. Hier steht er für den Mond. Als dunkle, runde Scheibe, die nur hin und wieder von einer feinen Aureole beleuchtet wird, hält sie das Modell in den Händen. Der Mond erzeugt hier Schatten und Dunkelheit. Der mystische Beiklang, der dem Mond zugeschrieben wird, erfährt so seine Darstellung.

 

Die Serien in diesem Buch zeigen, dass das Besondere an den Aktfotografien Edin Bajrics nicht die pure Nacktheit der Menschen ist. Die nackten Menschen in Kombination mit ihrem Tun - und das auf einem hohen ästhetischen Niveau fotografiert - machen die Bilder spannend und sehr berührend.

Wir treffen auf Aktmodelle, die selbstbestimmt agieren. Sie werden angesehen, sehen aber selbstbewusst zurück und fordern mit ihrem Tun die Betrachter zum Nachdenken heraus. Sie wollen nicht nur durch ihre Nacktheit entzücken oder verführen, sie machen noch mehr mit uns. Sie gewähren einen poetischen Blick auf eine mysteriöse, geheimnisvolle Welt, die wir nicht ganz enträtseln können.

 

Zu den Aktfotografien Edin Bajrics passt ein Zitat des schon erwähnten Eugène Delacroix:

„Die Empfindung verrichtet Wunder.“

Ich hoffe, dass Sie bei der Betrachtung der hier gezeigten Bilder das Gleiche empfinden - mir ging es jedenfalls so.

TEXT: Vera Burmester

 

http://www.edinbajric.de